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Volker Lehnert:
Geläufiges Gelände. Kritzelbarock,
Zeichnungen.

17. März bis 7. Mai 2017

Ein Berserker (Neapel) 2016

Das Richard Haizmann Museum lädt Sie und Ihre Freunde zur Eröffnung der Ausstellung am Freitag, dem 17 März, um 20 Uhr herzlich ein.

Der Künstler ist anwesend und zur Eröffnung spricht Dr. Uwe Haupenthal, Leiter des Richard Haizmann Museums Niebüll.

 

Zur Ausstellung erscheint ein Katalogbuch im Rasch-Verlag mit circa 150 farbigen Abbildungen.

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Volker Lehnert gehört zu den Künstlern, die der Handzeichnungen einen besonderen und vor allem originär begründeten Stellenwert zugestehen. Lehnert unternimmt jährlich ausgedehnte Reisen, die ausschließlich dem grafischen Medium vorbehalten sind. An Orten wie Rom, Arles, Prag, Krakau, Palermo, Avignon, Carpentras, Wien, Parma, Istanbul, Venedig, Vierzehnheiligen, Bamberg zeichnet er vor allem historische Architekturen, lässt sich aber auch vor Ort von besonderen Beobachtungen leiten.

Einzelbeobachtungen stehen in Lehnerts Zeichnungen unvermittelt neben komplexen architektonischen Anlagen. Aber auch diese geben eher einen subjektiven Eindruck als dass sie sich um eine vermeintlich angemessene Ansichtigkeit bemühen. Offenbar geht es dem Zeichner stets um eine „innere Richtigkeit“, sprich um eine grafische Konsequenz, in der er sich auf dem weißen Papiergrund etwa den strukturalen Aufbau klar macht oder aber den vor Ort tatsächlich so empfundenen subjektiv-überwältigenden Eindruck. Da gibt es ebenso stürzende Linien aus angenommener Vogelperspektive wie eine monumentalisierende Untersicht, wobei gesehene die Architektur nicht selten in eine mehr oder weniger freie zeichnerische Struktur überzugehen scheint. Oder aber diese entwickelt sich im Umkehrschluss aus einem allgemeinen Kontext, je nach Lesart des Betrachters. Was jedoch vor allem zählt, ist das konkrete Seherlebnis vor Ort und die daraus erwachsende Erfahrung des Zeichnens als ein augengesteuertes künstlerisches Tun. Beides zusammen geschieht aus inniger und zeitintensiver Anteilnahme und könnte niemals durch ein schnell gemachtes Foto ersetzt werden.

Der Blick auf diese Blätter zeigt indes, dass Lehnert das klassische grafische Medium der Zeichnung aufgebrochen hat und fast immer auf Mischtechniken setzt. Dezidiert Lineares, Hartes und Sperriges steht somit gegen gegen eine eher weiche, sfumatoartig-wolkige Auffassung. Übermalungen führen eine prozesshaft angelegte und sukzessiv verdichtete Bildfindung vor Augen. Graffiti-Elemente tauchen auf und führen eine anarchistisch wirkende, antithetische Haltung gegenüber der Wirklichkeit ein. Das Collage-Prinzip, die Montage verschiedener heterogener Motive, birgt die konzeptuell tragende Bildidee. Sei es, dass unterschiedliche Beobachtungen und Notate auf dem Zeichenblatt lediglich kombiniert werden, sei es, dass verschiedene Teile tatsächlich und deutlich sichtbar im Nachhinein montiert werden. Mit Blick auf das malerische Schaffen des Künstlers schleichen sich gelegentlich auch comicartige Zitate aus den Lehnerts eigenen Bildern ein und stehen für eine identitätsstiftende künstlerische Auffassung ein. Damit hat sich die Zeichnung jedoch von der tradierten Vorstellung, wonach sie lediglich eine von Kennern und Sammlern zwar geschätzte, jedoch stets dienende Ausrichtung besitzt, von vorn herein zu Gunsten einer autonom konzipierten Gleichwertigkeit gegenüber anderen Gattungen (Malerei, Plastik, Installation, Fotografie, Performance etc.) aufgegeben.

Das Reisen an fremde Orte erschließt Volker Lehnert einen schier unerschöpflich anmutenden und von steten Überraschungen bestimmten Bildkosmos. Dahinter verbirgt sich freilich eine Haltung, die nicht nur von Offenheit und Neugierde gegenüber der Wirklichkeit getragen ist, sondern die zugleich die eigene Bildsprache fortgesetzt verändert und unter Spannung setzt. Die überkommenen kulturhistorischen Bedeutungsebenen werden zwar nicht gänzlich ausgeschlossen, wenngleich sie nicht mehr im Zentrum des bildnerischen Interesses stehen. Mit anderen Worten: Die eigenen bildnerischen Formen leiten sich aus der subjektiv, weil fremd empfundenen Wirklichkeit ab. Sie führen alsbald ein mehr oder weniger ungezügeltes Eigenleben, das jedoch durch die nicht-illusionistisch angelegte bildnerische Ordnung der Collage bzw. Montage gezügelt und durch Übermalung immer wieder eingedämmt wird.

 

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Uwe Haupenthal

Rede zur Eröffnung der Ausstellung „Volker Lehnert.

Geläufiges Gelände. Kritzelbarock. Zeichnungen“.

Richard Haizmann Museum Niebüll, 17. März 2017

 

„Krickel-Krackel“ nannte ein kleiner Junge aus der Malschule des Museums Volker in dieser Woche Volker Lehnerts oft großflächig angelegte Zeichnungen. Als ich die Bemerkung des Jungen aufgriff und ihm erklärte, dass der Künstler selbst seine Blätter „Kritzelbarock“ nennt, war es selbst die Mutter des Jungen zufrieden, denn er hatte offenbar weder die hehre Kunst noch den hochmögenden Künstler beleidigt, sondern nichts anderes als seiner Empfindung zu ebenso spontanem wie treffendem Ausdruck verholfen. Und womöglich hat besagter Junge, der eben gerade vom Malen kam, in Volker Lehnert einen Gleichgesinnten vermutet, der das mit der Kunst eben auch nicht viel besser kann als er selbst. Ich bin sicher, dass es den Künstler gefreut hätte, wenn dem so gewesen sein sollte: Zwei Gleichgesinnte erobern sich schlichtweg die Welt auf eine individuelle Weise, beobachten, was auf dem Blatt entsteht, fühlen eine elementare Nähe zu den wiedergegebenen Gegenständen, Erfahrungen und Beobachtungen und haben schlichtweg Spaß daran. Vor allem aber spielt eines in der Bemerkung des Jungen eine große Rolle: Er deckte das Unkonventionelle auf und erklärte es zu dem eigentlich Bildtragenden.

So einfach ist das. Und für alle anderen so unendlich kompliziert. Sicherlich, Volker Lehnerts Blätter zeichnen sich, im wahrsten Sinne des Wortes, durch eine vorurteilslose künstlerische Naivität aus, die er sich im Weichbild der Moderne in einem langen Prozess sozusagen wieder rückerobert hat. Da gibt es einfache Linien, die Flächen umfahren und dennoch nichts Erkennbares beschreiben, wenngleich sie überaus merkwürdig, geradezu undurchdringlich erscheinen, ein hohes Maß an Empathie vermitteln und zugleich mit auffallender Akribie angelegt wurden. Über tatsächliche Größenverhältnisse lässt sich indes keine verlässliche Aussage treffen. Doch was zunächst eher einfach anmutet, gewinnt bei näherem Hinsehen rasch an Komplexität. Nicht nur, dass aus diesen Formen oftmals etwas Architektonisches herauswächst. Es kann auch gut möglich sein, dass diese elementaren Formen nichts anderes sind als der kontinuierliche Verlauf einer architektonischen Anlage oder aber ein darin beobachtetes Detail. Von gefundenen Kuriositäten ganz zu schweigen. Wir wissen es schlichtweg nicht und sollten es dabei belassen, nicht zuletzt, um den transparenten Zauber dieser Blätter nicht durch vorlautes Geschwätz zu zerstören.

Greift Lehnert auch Landschaftselemente auf, so verzichtet er doch weitgehend auf das Figürlich-Szenische, um eine vordergründig-endliche Identifikation mit dem Motiv von vorn herein auszuschließen. Folglich kann man mit Blick auf seinen Zeichnungen wohl kaum von klassischer Landschaftskunst sprechen. Weit mehr erinnern seine Blätter hingegen an die Veduten vergangener Jahrhunderte oder an digitalisierte architektonische Demonstrationsmodelle, wenn auch vielfach gebrochen und die angestammte erkennbare „Richtigkeit“ und jeglichen Illusionismus kategorisch aussparend.

Einzelbeobachtungen stehen in Lehnerts Zeichnungen unvermittelt neben komplexen architektonischen Anlagen. Aber auch diese geben eher einen subjektiven Eindruck als dass sie sich um eine vermeintlich angemessene Ansichtigkeit bemühen. Offenbar geht es dem Zeichner stets um eine „innere Richtigkeit“, sprich um eine grafische Konsequenz, in der er sich auf dem weißen Papiergrund etwa den strukturalen Aufbau klar macht oder aber den vor Ort tatsächlich so empfundenen subjektiv-überwältigenden Eindruck. Da gibt es ebenso stürzende Linien aus angenommener Vogelperspektive wie eine monumentalisierende Untersicht, wobei gesehene die Architektur nicht selten in eine mehr oder weniger freie zeichnerische Struktur überzugehen scheint. Oder aber diese entwickelt sich im Umkehrschluss aus einem allgemeinen Kontext, je nach Lesart des Betrachters. Was jedoch vor allem zählt, ist das konkrete Seherlebnis vor Ort und die daraus erwachsende Erfahrung des Zeichnens als ein augengesteuertes künstlerisches Tun. Beides zusammen geschieht aus inniger und zeitintensiver Anteilnahme und könnte niemals durch ein schnell gemachtes Foto ersetzt werden.

Mit anderen Worten: Volker Lehnert kann nicht auf fremde Vorlagen zurückgreifen, sondern muss selbst zu den Orten reisen, um einen authentischen Eindruck zu gewinnen. Schließlich geht es um die Vermittlung des Subjektiven und gleich gar nicht um die Ablieferung eines Bravourstückes. Der Begriff des „Krickel-Krackel“ oder Lehnerts wunderbar poetischer Terminus des „Kritzelbarocks“, beinhaltet demnach nichts anderes als die Möglichkeit einer unmittelbaren und unverstellten Übertragung tatsächlich so gesehener Wirklichkeit vermittels des grafischen Notates. Sicherlich, damit steht er in einer langen, bis in die Renaissance zurückreichenden Tradition von Künstlern, die auf Reisen, neben Figuren, vor allem besondere Landschaften und Architekturen festgehalten haben, wenngleich dies heute eine Profession ist, die in Künstlerkreisen kaum mehr wahrgenommen wird. Das hat Gründe. Das Zeichnen ist bei vielen Künstlern ins Hintertreffen geraten und wird schlichtweg nicht mehr betrieben. Viele Künstler verfügen längst nicht mehr über die dazu notwendigen Fertigkeiten und können und wollen das mit Blick auf die Fotografie oder den Film auch gar nicht mehr. Im Umkehrschluss bedeutet das aber, dass Lehnert das Zeichnen sehr wohl beherrscht, und zwar auf virtuose Weise. Über Jahrzehnte hinweg ist so ein eigenständiger riesiger Werkkomplex von ca. zweieinhalbtausend Blättern entstanden.

Der Blick auf diese Blätter zeigt indes, dass er das klassische grafische Medium der Zeichnung aufgebrochen hat und fast immer auf Mischtechniken setzt. Dezidiert Lineares, Hartes und Sperriges steht somit gegen gegen eine eher weiche, sfumatoartig-wolkige Auffassung. Übermalungen führen eine prozesshaft angelegte und sukzessiv verdichtete Bildfindung vor Augen. Graffiti-Elemente tauchen auf und führen eine anarchistisch wirkende, antithetische Haltung gegenüber der Wirklichkeit ein. Das Collage-Prinzip, die Montage verschiedener heterogener Motive, birgt die konzeptuell tragende Bildidee. Sei es, dass unterschiedliche Beobachtungen und Notate auf dem Zeichenblatt lediglich kombiniert werden, sei es, dass verschiedene Teile tatsächlich und deutlich sichtbar im Nachhinein montiert werden. Mit Blick auf das malerische Schaffen des Künstlers schleichen sich gelegentlich auch comicartige Zitate aus den Lehnerts eigenen Bildern ein und stehen für eine identitätsstiftende künstlerische Auffassung ein. Damit hat sich die Zeichnung jedoch von der tradierten Vorstellung, wonach sie lediglich eine von Kennern und Sammlern zwar geschätzte, jedoch stets dienende Ausrichtung besitzt, von vorn herein zu Gunsten einer autonom konzipierten Gleichwertigkeit gegenüber anderen Gattungen (Malerei, Plastik, Installation, Fotografie, Performance etc.) aufgegeben.

Das Reisen an fremde Orte erschließt Volker Lehnert einen schier unerschöpflich anmutenden und von steten Überraschungen bestimmten Bildkosmos. Dahinter verbirgt sich freilich eine Haltung, die nicht nur von Offenheit und Neugierde gegenüber der Wirklichkeit getragen ist, sondern die zugleich die eigene Bildsprache fortgesetzt verändert und unter Spannung setzt. Die überkommenen kulturhistorischen Bedeutungsebenen werden zwar nicht gänzlich ausgeschlossen, wenngleich sie nicht mehr im Zentrum des bildnerischen Interesses stehen. Mit anderen Worten: Die eigenen bildnerischen Formen leiten sich aus der subjektiv, weil fremd empfundenen Wirklichkeit ab. Sie führen alsbald ein mehr oder weniger ungezügeltes Eigenleben, das jedoch durch die nicht-illusionistisch angelegte bildnerische Ordnung der Collage bzw. Montage gezügelt und durch Übermalung immer wieder eingedämmt wird. Lehnerts Zeichnungen haben sich von jeglicher allegorischen oder symbolischen Einbindung und damit selbstredend von traditioneller „Lesbarkeit“ nicht nur entfernt, sondern sie unterlaufen und persiflieren diese geradezu. Gleichermaßen unmöglich wie unnötig daher, die bildnerische Ausgangslage des Künstlers vor Ort rekonstruieren zu wollen. Nicht nur, dass Einzelbeobachtungen isoliert wiedergegeben werden, was sie ihrer topografischen Einbindung entledigt und im Gegenzug den Weg zu einer nichtabbildlichen Struktur aufzeigt. Die Einzelbeobachtungen erzeugen vor Ort unterschiedliche grafische Lineamente, Flächen oder auch nur wie zufällig entstandene Flecken. Diese greifen nach der Wirklichkeit, und zwar im Wissen, dass sie im Vorgang des Zeichnens mit Stift und Pinsel selbst Wirklichkeit generieren. Kleine Beobachtungen können so im Verhältnis zu anderen Motiven über dimensioniert erscheinen. Anderes wiederum wurde allenfalls summarisch angelegt und entwickelt eine ungeheure Dynamik. Wir verlieren uns in diesen Blättern, tauchen förmlich in sie ein, um später an einem ganz anderen Ort, in einem gänzlich anderen Zusammenhang wieder aufzutauchen. Wie der Künstler klammern wir uns an akribisch wiedergegebenen Details, erkennen deren abbildlichen wie deren erklärenden bzw. erklärten Wert und fühlen uns doch im gleichen Augenblick schon wieder verunsichert, indem die so gefundene und gesicherte Wirklichkeit in einen metamorphen Prozess eingespeist wird. Optisch begründete Ähnlichkeit besteht auf autonomer bildnerischer Gesetzlichkeit, relativiert das angestammte Wissen, bzw. leitet daraus eine fremde, rätselhafte Wirklichkeit ab. Das Kognitive, das Erkennende bzw. Erkannte und Bewertete geht eine ursprünglich anmutende, weil nur bedingt gelenkte Verbindung mit dem Visuellen ein. Mag sein, dass so etwas auch in der Malerei oder in der Plastik möglich ist. Im grafischen Medium treten diese Relationen unmittelbar und weit weniger verschlüsselt zu Tage. Das hängt sicherlich mit dem vorgegebenen begrenzten Format und folglich mit einer darin begründeten Übersichtlichkeit zusammen. Zugleich verlieren wir jede Scheu, uns auf die verschiedenen Motivkomplexe einzulassen. Intime Offenheit und von Spontaneität getragene rezeptive Direktheit empfinden wahrscheinlich ein gutes Stück weit die seismografischen Wachheit des Künstlers vor dem Motiv nach. In diesem Kosmos lösen sich freilich die Grenzen zwischen innen und außen, zwischen gesichertem Wissen und unvermutetem, verblüffendem Zusammentreffen von nicht Vergleichbarem, von hohen Werten und grenzenloser Banalität auf. Es ist, als ob uns etwas entgegenschlägt, und das ist die ungefilterte, sich auf  jeder Künstlerreise stets aufs Neue wie eine Krake ausdehnende Realität, präsent und doch nicht greifbar, unendlich nah und fern zugleich, sinnlich und abstrahierend, scheinbar wahllos und doch, jenseits des logischen Erzählstrangs, auf verblüffende Weise geordnet, von partieller Tiefe und Plastizität und zugleich ohne die überkommene Angabe einer räumlichen Gesamtsicht. Die Dinge wachsen uns zu, umgarnen uns, wenngleich wir sie nicht wirklich halten oder gar dauerhaft und endgültig in Besitz nehmen können. Zweifelsohne sind sie latent gefährdet und drohen in den Orkus des Vergessens zu fallen. Und wir mit ihnen, trotz oder gerade wegen unserer schutzlos aufgestachelten Sinnlichkeit, die in den einfachen, elementaren Formen ein Widerlager besitzt, das wir nicht mehr abstreifen können. Zeit hat ihre lineare Verbindlichkeit verloren. Alles ist vermittels des Collage-Prinzips irgendwie gleichzeitig vorhanden und will von uns in einer großen Bewegung umfasst werden. Das wird uns, angesichts der vorgeführten Komplexität, zwar kaum gelingen Doch besitzen wir eben in unserer sinnlich bestimmten Erlebnisfähigkeit und Empathie ein robustes Instrumentarium, um uns in der Wirklichkeit auf lustvolle Weise zu bewegen und uns den Dingen des Wirklichen tatsächlich nahe zu fühlen. Das hat indes weniger mit Wissen zu tun, sondern vielmehr mit grenzenloser visueller Motorik und sensitiver Empfänglichkeit. Das nach vorn Drängende und gelegentlich Laute verhallt doch in einem schier unendlicher kosmischer Weite. Gut möglich und durchaus anzunehmen, dass Volker Lehnert diese Erfahrungen vor Ort gemacht hat und dass er sie nur vor Ort machen kann, was nicht zuletzt seine ausgedehnten Reisen erklärt. In seine Zeichnungen aber sind diese Erfahrungen allemal eingeflossen, und sie üben, von gegensätzlichen, unvereinbaren und auseinander triftenden Polen einen unwiderstehlich starken Sog aus. Es ist, als öffne Pandora ihre Büchse: Die Kunst lässt sich vermeintlich für einen Augenblick in die Karten schauen. Doch eben ungeordnet, in fortgesetzten Wirbeln, subjektiv, willkürlich, lebendig, atemlos, ohne wirkliche Kontrolle. Wenn es diese jedoch geben sollte, dann nur aus der vorgegebenen Leere des Zeichenblattes, zumal sich dort bei aufmerksamer Beobachtung verlässlich starke Wurzeln künstlerischen Handelns finden lassen. 

Letze Änderung: 08. 05. 2017